Beerdigungen

Was wir beerdigt haben (und was nicht). 

#1 
Die Naivität und ungetrübte Freude einer ersten Schwangerschaft. 
Den Begriff „guter Hoffnung sein“.  
Das Vertrauen, dass noch genug Zeit bleibt, es allen zu erzählen. 
Das Schweigen bis zur 12. Woche.(Kein Kinderkörper oder sterbliche Reste. Nicht einmal Asche in einem Massengrab.) 

#2 
Die Leichtigkeit. 
Das Grundvertrauen, Familie haben zu können. 
Den Mut, nochmal schwanger zu werden. 
Die Hoffnung, dass wenn ich erstmal schwanger bin, es schon wird.  
Die Fähigkeit, blöde Sprüche und all die (gutgemeinten) Fragen einfach wegzustecken. 
Einen großen Sarg voll Asche kleiner Menschen. Wenig mehr als Klinikmüll, aber immerhin. 

und etwas später: 

Die Idee, ein Friedhof voller verregneter Kuscheltiere könnte ein Ort des Haltes sein. 
Das Funktionieren. 
Das liebevolle Miteinander. 
Über alles Reden können, in der Partnerschaft. 

Zwischendrin auch:  

Den Glauben an einen Gott, der es gut mit mir meint. 
Die Lust überhaupt noch aufzustehen. 

#3 
Jedem Kind seine 9 Monate. 
Das Ideal, eine entspannte Schwangere zu sein.  
(Diese kleine große Himmelfahrtskind. #Halleluja, sie lebt.) 

#4 
Den Traum einer großen Familie.
Das Vertrauen in die Medizin.
Die Idee von Gerechtigkeit im Gesundheitssystem. 
Die Hoffnung, dass jemand hilft.
Einen kleinen Sarg voll Mensch. Trauer ist Trauer. 
Augenhöhe. 
Wissen und Fühlen klaffen auch hier auseinander.  
Die Höflichkeit, bei Fragen. 
Den Glauben, das Gott schon weiß was si*er da tut.  

#5 
Die Hoffnung auf noch ein Wunder.  
Den Gedanken, dass sich trotz Angst jemand mitfreut. 
Die Antwort auf die Frage, wann Leben beginnt. 
Das Vertrauen, dass alles Leben bei Gott geborgen ist.  
Die Idee, dass Wissen und bessere Organisation im Trauerprozess helfen. 
(Auch Loslassen kann zur Gewohnheit werden.) 
(Wieder kein Körper. Mir fehlt der Ort. Das Ritual.) 

#6  
Die Mediziner*innen haben Recht.  
Ab Woche 12 ist es safe.  
Mein Körper kann das. 
Auf meine Gefühle ist verlass.  
Eine Freundschaft.  
Das Denken, funktionieren funktioniert. 
(Das Maybe-Baby ist da. Welch ein Wunder.) 

© Frida Goedicke