Vom Umziehen

Vor fast 9 Jahren starb unser Sohn Felix. Ich war schwanger in der 39. Woche. 2 Tage vor seinem Tod träumte ich, dass ich mein Kind tot zur Welt bringen würde. Die gesamte Schwangerschaft hindurch hatte ich befürchtet, dass etwas nicht stimmt. Ein Gefühl zwischen Angst und Ahnung. Ich erinnere mich noch genau an seine letzte Bewegung in meinem Bauch. Ich saß in der Küche, aß etwas und schaute Shopping Queen. Kurz hielt die Welt an. Drei Stupse in meine Hand und ich dachte noch: Das war sein Abschiedsgruß. Einer für mich, einer für seinen Papa und einer für seinen großen Bruder. Dann ging der Alltag weiter und mein Kopf stellte wieder um auf normal. Kind aus der Kita abholen und ab auf den Spielplatz. Zwischendurch immer den Bauch checken, versuchen Kontakt aufzunehmen. Nichts. Sicher schläft Felix nur, dachte ich. Auf dem Spielplatz ein Vater, der mir wünschte, dass bei der bald bevorstehenden Geburt alles gut gehen würde. Dein Wort in Gottes Ohr, betete ich. 

Am Abend immer noch nichts. Schlafen konnte ich in der Nacht nicht. Immer wieder spürte uns stupste ich in meinen Bauch – doch ich bekam keine Antwort. Ich fühlte, dass Felix keine Körperspannung mehr hatte. Ich dachte über die Beerdigung nach und legte mir die Schritte für den nächsten Morgen zurecht. Mein Mann brachte den großen in die Kita und ich verabredete mich mit der Hebamme im Krankenhaus. Mein Mann war optimistisch, entschied sich aber doch, mitzukommen, anstatt zur Arbeit zu fahren. Ein Glück. Denn mein inneres Gefühl, dass Felix nicht mehr lebt, behielt ich für mich. Mehr als „etwas stimmt nicht“ traute ich mich nicht auszusprechen aus Angst, es könnte wahr werden. 

Im Kreißsaal wurde meine schlimmste Angst Wirklichkeit: „Es tut mir Leid, da ist kein Herzschlag. Ihr Baby lebt nicht mehr. 

Damit begann die schwerste und traurigste Zeit meines Lebens. 

Im Kreißsaal, nach der Geburt, als wir Zeit mit unserem Kind hatten, mit ihm kuschelten, ihn anzogen und im Arm hielten, als zu begreifen begannen, da sah mein Mann, wie etwas von ihm wegging und durchs offene Fenster flog. 

Felix war umgezogen. 

Und mit seinem Umzug begann auch mein eigener. 

Immer wieder wachte ich morgens auf und dachte: Diese Welt ist von nun an für immer eine andere. Und die Welt schien zu sagen: Nein, Andrea. Ich war schon immer so. Von Grund auf. Aber du. Du bist jetzt eine Andere. 

Es war, als hätte ich „meine Unschuld verloren“, wie unser Freund Michi es einmal treffend bezeichnet hat. Als wäre ich jetzt Teil von etwas, das schon immer da war. Rau und rissig. Schmerzhaft bis in die tiefsten Tiefen. Und ganz real. So oft wachte ich morgens auf und dachte und hoffte, alles war nur ein schlechter Traum. Und musste immer wieder ankommen in dieser neuen Wirklichkeit. Noch mal ganz neu ankommen in diesem Leben, dass mir gestern noch so vertraut schien. Und von dem ich heute und von dem ich heute schon überhaupt nichts mehr wusste. Es folgten unzählige erste Male: das erste Mal im Supermarkt. Und diese Absurdität aushalten, dass Menschen einfach so einkaufen gehen. Das erste Mal den großen Bruder aus der Kita abholen und konfrontiert sein mit einfühlsamer Anteilnahme der Einen und stillschweigender Betroffenheit der Anderen. Das erste Weihnachten, erster Geburtstag, erster Urlaub. Lauter wacklige Brücken zurück in ein anderes Leben. Lauter Kisten, die ich nach und nach dort auspacken musste, an diesem neuen Ort, der nicht meine Wahlheimat ist.  

Manchmal finde ich auch heute immer noch irgendwo etwas Unausgepacktes, das mich überrascht. Ich bin mit viel Unterstützung einigermaßen angekommen in meinem mit-ohne-Felix. Habe nach und nach wieder Vertrauen gefasst in dieses Leben. Habe mir Stück für Stück die Leichtigkeit zurück erobert. Doch der Schatten bleibt. Diese Lücke, die Felix in meinem Leben hinterlassen hat, bleibt. Mein totes Kind ist mein Lebensthema.  

Aber so ist das wohl mit dieser Art von Umzügen. Vielleicht ist diese ganze Lebensmitte ein riesengroßer Umzug. In dem diese Dinge passieren, die mich so aus der Bahn und aus der Welt, wie ich sie kannte, werfen. In der ich mich neu im Leben zurechtfinden muss. Für eine Weile denke, es müsste doch alles wie früher werden. Irgendwann feststelle, dass genau das hier Leben ist. Mein Zelt in diesen Unsicherheiten aufschlage und meine Koffer endlich abstelle. 

© Andrea Kuhla