Vom Bleiben

Als unser Kind Felix starb und ich buchstäblich am Boden war, da waren viele Menschen schnell dabei, mir aufhelfen zu wollen. Doch was mir am meisten half und mich Stück für Stück durch meinen Schmerz hindurchtröstete, anstatt darüber hinweg, waren all diejenigen, die einfach blieben, während ich weder aufstehen wollte noch konnte. Die sich zu mir setzen oder legten. Die mit mir schwiegen und leise weinten. Und immer wieder saß auch G*tt dort mit mir, inmitten meiner Seelenscherben. Saß einfach da und hielt aus, was ich nicht mehr halten konnte.  

Einige Jahre später ist daraus dieser Text in Form eines Poetry-Slams für einen G*ttesdienst entstanden. Über meinen größten Trost in höchster Not. Über diese Herz-zu-Herz und Schmerz-zu-Schmerz-Verbindung. Und über die Kraft vom Bleiben: 

wenn mein Herz in tausend Stücke springt 
bleib hier 
wenn der Himmel nur noch Tränen singt 
bleib hier 
sieh mich 
und geh nicht 
bleib einfach bei mir 

bleib bei mir  
hier  
unten am Boden  
wo alles zu Bruch gegangen ist
mein Leben in Scherben 
jedes einzelne Teil 
ich kann meine Tränen nicht zählen 
geschweige denn glauben 
dass jemals wieder heil 
wird 

bleib mit mir 
hier  
unten am Boden  
bin ich 
froh, einen Grund zu haben 
denn so oft träum ich, dass ich einfach falle und falle 
und Niemand hält mich, nichts fängt mich auf. 
dann werd ich wach 
nicht mal du, Schlaf, o Todes Bruder 
schenkst traumlose Seelenräume 

ich kann jetzt nicht 
hinter den Horizont sehn 
für mich ist´s als würde die Welt vergehn 
ich bin jetzt hier 
und ich kann hier nicht weg
darum bleib 
bitte  
bleib einfach bei mir 

hier, am Boden. 
in meinem Scherbenhaufen 
zwischen all meinen Tränen meinem Warum 
und dem ich weiß nicht wohin und wozu 

geh nicht 
und seh mich
schau nicht weg
sieh mich an 
und bleib einen Moment 
bleib und halt das aus mit mir 

schon mich nicht 
mit gutgemeinten Worten 
die mir helfen sollen, über meinen Warum hinweg zu sehen, oder gar eine Antwort zu finden, einen Sinn in alldem 

tröste mich nicht 
mit leeren Floskeln 
die meinen, über meinen Schmerz hinaus zu glauben 

du schenkst mir keine Aussicht mit 
„du hast doch Gott und also Trost,  
dann ist es sicher nicht so schlimm“ 

Du hilfst mir nicht auf mit 
„ich kenn das, hab´s selbst schon erlebt“ 
Und dann erzählst du deine Geschichte 
als wäre es auch meine 

du hilfst mir nicht raus 
indem du dir vorstellst du wärst jetzt ich  
und wie es dir dann wohl ginge
und mir sagst: So fühlst du dich jetzt, oder?  

nein 
denn das hier ist nicht dein
Schmerz und deine Trauer 
nicht dein Vermissen 
es ist mein Herz – 
mein Herz ist zerrissen 

nein 
niemand weiß besser 
wie´s mir geht und was mir hilft
ich weiß das selbst grad nicht 
das hier 
ist alles neu für mich 
neuer als für dich 

hier unten sind am Boden 
wo alles zu Bruch gegangen ist 
bitte seh mich 
und geh nicht – 
halt das aus 

alles hält mich 
an diesem einen 
Flecken Erde 
an dem ich für immer  
ein neuer Mensch werde 
weil alles sich ändert 

die Zeit ist entzwei 
und ich bin dazwischen 
zwischen davor und danach 
wie im davor wird es niemals mehr 
und was das Danach bringt 
daran will ich nicht denken 
das schmerzt viel zu sehr 

was bleibt ist das Jetzt 
und jetzt bin ich hier 
unten am Boden 
und du mit mir 

ich brauch nur, dass du bleibst 
mit deinem Schweigen und deinen Gedanken 
es hilft mir, dass du sagst:  
ich habe keine Worte, wenn du keine hast 
schweigende Worte sind für mich kein Grab 
sondern eine Brücke 
von dir zu mir 

wenn mein Herz in tausend Stücke springt
bleib da 
wenn der Himmel nur noch Tränen singt
bleib da
sieh mich
und geh nicht
bleib einfach hier
bei mir. 

 

„Als die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.“

Hiob 2, 11.13

© Andrea Kuhla