„Es tut mir so leid, Ihr Kind muss jetzt geboren werden. Wir bekommen die Infektion nicht in den Griff.“
Es ist die Woche nach Ostern, heute vor sieben Jahren. Es ist nicht meine erste Schwangerschaft, diese jetzt mit Noa. Und auch nicht meine erste Komplikation. Einige Schwangerschaften sind schon vor der zwölften Schwangerschaftswoche unglücklich geendet. Ein lebendes Kind haben wir und die Hälfte dieser Schwangerschaft verbrachte ich damals im Krankenhaus. Damit es diesmal gut geht, hatte ich eine OP. Doch, so wird es mir langsam so wie mein Fieber steigt, im Krankenhausbett klar: jetzt habe ich eine Infektion. Und Wehen. Diese scheiss Wehen, immer wieder und sie werden mehr. Schließlich kommt meine Ärztin, blickt mir in die Augen und sagt: „Es tut mir so leid, Ihr Kind muss jetzt geboren werden. Wir bekommen die Infektion nicht in den Griff.“
Der Kreißsaal ein Schweigesaal
Es ist nachts und mein Mann kann noch kommen und dann geht es in den Kreißsaal. Heute ein Schweigesaal. Eine stille Geburt. Es ist so traurig und gleichzeitig schön unseren kleinen Sohn auf der Brust zu haben direkt nach der Geburt. Unsere Ärztin tauft ihn und wir segnen ihn. Aber er ist zu klein zu leben mit seinen 19 Schwangerschaftswochen. Wir nennen ihn Noa Johannes, ganz spontan. Und dann muss ich in den OP zur Ausschabung. Die OP Schwestern wollen mit mir über die Relevanz von Kirche reden, weil ich ja Pfarrerin bin. Ich bin in Trance, äußerlich freundlich, nach innen hin schreie ich nur. Und wüte. Und weine.
Meine Freundin, die selbst schwanger ist, besucht mich im Krankenhaus und ich schluchze lauthals. Meine Familie und Freundinnen sind da für uns. Unser kleiner Sohn ist der größte Trost.
Dank der Seelsorgerin können wir Tage später unseren Noa nochmal sehen und in die Hände nehmen, uns verabschieden. Fotos machen. Wertvolle Erinnerungen sammeln. Die gemeinsame Bestattung der Sternenkinder des Krankenhauses wird erst in sechs Wochen sein.
„Nichts schmeckt, nichts macht mich fröhlich“
Um in der Zeit dazwischen zu überleben, gehe ich jeden Tag lange spazieren. Mal wütend, mal traurig, mal alleine, mal mit einer Freundin. Nichts schmeckt, nichts macht mich fröhlich.
Zur Beerdigung laden wir unsere Familie und enge Freunde ein. Die, die uns grade guttun. Viele andere denken auch an uns. Unser lebender Sohn hat eine Spielzeugauto für das Baby ausgesucht und wirft es ihm ins Grab. Ich habe einen Stein bemalt und eine Kerze gestaltet.
Wir feiern nach der Bestattung in unserem Garten. Mit Wimpelketten, Limo und Kuchen. Ich habe eine knallgelbe Tischdecke mit fliegenden Vögeln gekauft. Eine Freundin lässt einen Luftballon steigen. Es ist ein erstes und letztes Fest für Noa.
Ein wichtiger Gang danach ist der zum Standesamt. Das Noas Leben für die meisten Menschen so unsichtbar bleibt ist so ein Schmerz für mich und ich seine Geburt offziell beim Standesamt anzeigen, was man seit einigen Jahren kann.
„Ich wünsche allen, die selbst mit Ohne leben, dass ihr gehalten werdet und das Band der Liebe zu eurem Kind euch Kraft gibt.“
Wenn ich mich heute, sieben Jahre später zurückerinnere, fließen noch immer die Tränen. Die Lücke bleibt. Der Schmerz wandelt sich nur, aber auch er bleibt. Das Kind meiner Freundin wird in diesem Jahr sieben Jahre alt. Ich habe es mir damals nicht vorstellen können, aber heute ist sie mein Patenkind und lässt mich oft liebevoll an Noa denken.
„Mama, ob Noa uns wohl ähnlich sieht, wenn wir ihn im Himmel wiedersehen?“ hat mein Sohn vor kurzem gefragt. „Ich hoffe es, sehr“, habe ich geantwortet und dabei weniger an die familientypische Nase gedacht als daran, dass mein Trost die Hoffnung auf dieses Wiedersehen ist.
Ich schreibe diese Erinnerungen auf, nachdem ich heute an Noas Grab war. Es hat geschüttet wie aus Eimern und die Grabkerze wollte erst einfach nicht brennen.
Ich bin traurig und dankbar, die Mama dieses Sternenkindes zu sein. Noa wird immer zu mir und uns gehören.
Ich wünsche allen, die selbst mit Ohne leben, dass ihr gehalten werdet und das Band der Liebe zu eurem Kind euch Kraft gibt. Und ich wünsche allen, die an der Seite von Menschen sind, die ein Kind verloren haben, dass sie kreativ und mit Fingerspitzengefühl auch noch Jahre später an ihrer Seite sind und auch in ihnen Dankbarkeit und Liebe wächst.
Text und Bild: Jule Gayk